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30 Jahre Windows NT 4.0 – Der Weg zum modernen Windows

Vor 30 Jahren brachte Microsoft Windows NT 4.0 auf den Markt und verband die robuste NT-Architektur mit der vertrauten Oberfläche von Windows 95. Gleichzeitig kämpfte IBM mit OS/2 Warp um Unternehmen und professionelle Anwender. Ein Rückblick auf einen Betriebssystemkrieg, der die PC-Welt nachhaltig geprägt hat.

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Grafik: 30 Jahre Windows NT 4.0 - Der große Rückblick

1996 war ein bemerkenswertes Jahr für Computerfans. PCs wurden schneller, Festplatten größer, Modems machten beim Einwählen ins Internet Geräusche, die heute vermutlich als technische Körperverletzung gelten würden – und auf dem Desktop tobte ein Betriebssystemkrieg.

Microsoft hatte gleich zwei Betriebssystemwelten im Angebot: Windows 95 für den Massenmarkt und Windows NT für Unternehmen und professionelle Anwender. Gleichzeitig versuchte IBM mit OS/2 Warp, Microsoft auf dem Desktop ernsthaft Konkurrenz zu machen.

Mit Windows NT 4.0, das Microsoft 1996 veröffentlichte, änderte sich die Lage grundlegend. Microsoft kombinierte die technisch deutlich robustere NT-Architektur mit der vertrauten Oberfläche von Windows 95.

Der moderne Windows-Desktop und die professionelle NT-Plattform fanden zusammen.

Rückblickend war das einer der entscheidenden Schritte auf dem Weg zu dem Windows, das wir heute kennen.

Zwei Windows-Welten unter einem Dach

Mitte der 1990er-Jahre existierten bei Microsoft praktisch zwei unterschiedliche Windows-Familien.

Auf der einen Seite stand die klassische Consumer-Linie:

  • MS-DOS
  • Windows 3.x
  • Windows 95
  • später Windows 98 und Windows Me

Auf der anderen Seite stand Windows NT.

NT war ursprünglich für professionelle Systeme, Server, Unternehmen und Workstations entwickelt worden. Die Architektur unterschied sich grundlegend von der DOS-basierten Windows-Welt.

Windows 95 musste noch erhebliche Mengen historischer Kompatibilität mit DOS und älteren Windows-Anwendungen mitschleppen. Das war für Privatanwender durchaus sinnvoll: Alte Spiele, Programme und Hardware sollten schließlich möglichst weiterhin funktionieren.

Windows NT verfolgte dagegen andere Ziele:

Stabilität, Sicherheit, Mehrbenutzerfähigkeit, Speicherverwaltung und Netzwerkbetrieb.

Damit war NT technisch wesentlich stärker auf die Zukunft ausgerichtet.

Windows NT war eigentlich schon älter

Windows NT begann natürlich nicht erst 1996.

Die erste Version, Windows NT 3.1, erschien bereits 1993. Die Versionsnummer 3.1 war dabei kein Zufall. Microsoft wollte deutlich machen, dass NT zur damaligen Windows-Familie gehörte.

Darauf folgten:

  • Windows NT 3.5
  • Windows NT 3.51
  • Windows NT 4.0

Die frühen NT-Versionen sahen allerdings noch stark nach Windows 3.x aus.

Program Manager, File Manager und das klassische Windows-Design machten deutlich: Unter der Haube war NT modern, auf dem Bildschirm wirkte das System jedoch zunehmend wie ein Relikt aus der vorherigen Windows-Generation.

Dann erschien Windows 95.

Und plötzlich sah die Windows-Welt völlig anders aus.

Windows 95 verändert den Desktop

Am 24. August 1995 veröffentlichte Microsoft Windows 95.

Das Betriebssystem brachte zahlreiche Elemente mit, die für Windows-Anwender anschließend jahrzehntelang selbstverständlich waren:

  • Startmenü
  • Taskleiste
  • Desktop als zentrale Arbeitsfläche
  • Explorer
  • lange Dateinamen
  • Plug and Play
  • stärker integrierte Netzwerkfunktionen

Vor allem die Bedienoberfläche war ein gewaltiger Schritt gegenüber Windows 3.1.

Microsoft betrieb dafür eine Marketingkampagne, die für ein Betriebssystem außergewöhnlich war. Computerbetriebssysteme wurden plötzlich wie Unterhaltungselektronik vermarktet.

Der Start-Button wurde praktisch zum Symbol einer ganzen PC-Generation.

Das brachte Microsoft allerdings in eine interessante Situation.

Windows 95 sah modern aus, während das technisch fortschrittlichere Windows NT 3.51 weiterhin aussah wie Windows 3.1.

Das konnte auf Dauer nicht so bleiben.

Windows NT 4.0: NT bekommt den Windows-95-Look

1996 erschien deshalb Windows NT 4.0.

Der entscheidende Unterschied war sofort sichtbar:

NT bekam weitgehend die Benutzeroberfläche von Windows 95.

Startmenü.

Taskleiste.

Explorer.

Desktop.

Für Benutzer bedeutete das einen enormen Vorteil. Wer Windows 95 kannte, konnte sich auch auf einer NT-Workstation schnell zurechtfinden.

Microsoft hatte damit etwas ausgesprochen Cleveres erreicht: Zwei technisch unterschiedliche Betriebssystemfamilien vermittelten dem Anwender weitgehend dasselbe Bedienkonzept.

Zu Hause konnte Windows 95 laufen.

Im Unternehmen Windows NT.

Und beide fühlten sich nach „Windows“ an.

Unter der Oberfläche lagen Welten zwischen Windows 95 und NT

Optisch ähnelten sich Windows 95 und Windows NT 4.0 stark.

Technisch waren sie jedoch grundverschieden.

Windows 95 basierte weiterhin auf der historischen DOS-/Windows-Linie und musste enorme Rücksicht auf ältere Software und Hardware nehmen.

Windows NT war dagegen als modernes Betriebssystem entwickelt worden.

Zu seinen wesentlichen Eigenschaften gehörten unter anderem:

Präemptives Multitasking

Das Betriebssystem konnte Prozessorzeit kontrollierter zwischen laufenden Prozessen verteilen.

Geschützte Speicherbereiche

Programme konnten sich nicht mehr so leicht gegenseitig den Arbeitsspeicher zerstören wie bei älteren Windows-Systemen.

Das bedeutete allerdings keineswegs, dass NT niemals abstürzte.

Der berühmte Blue Screen of Death bewies regelmäßig das Gegenteil.

Aber gegenüber Windows 3.x und Windows 95 war NT in vielen professionellen Szenarien erheblich stabiler.

Benutzerkonten und Berechtigungen

NT war von Anfang an auf Mehrbenutzersysteme und professionelle Sicherheitsmechanismen ausgelegt.

NTFS

Mit dem New Technology File System verfügte Windows NT über ein leistungsfähiges Dateisystem mit Berechtigungen, langen Dateinamen, großen Datenträgern und weiteren Funktionen, die für professionelle Systeme entscheidend waren.

Netzwerkfunktionen

Microsoft positionierte NT massiv für Unternehmensnetzwerke.

Besonders wichtig wurde dabei die Servervariante von Windows NT.

Windows NT Workstation und Windows NT Server

Windows NT 4.0 erschien in unterschiedlichen Varianten.

Für Arbeitsplatzrechner gab es vor allem:

Windows NT Workstation 4.0

Für Server:

Windows NT Server 4.0

Microsoft wollte damit nicht nur den Desktop erobern.

Auch klassische Netzwerkserver sollten zunehmend mit Windows betrieben werden.

NT Server bot Funktionen für:

  • Benutzerverwaltung
  • Datei- und Druckdienste
  • Domänen
  • zentrale Authentifizierung
  • Netzwerkressourcen
  • Serveranwendungen

Damit griff Microsoft etablierte Anbieter im Unternehmensmarkt an.

Und einer der interessantesten Konkurrenten hieß IBM.

Der große Konkurrent: OS/2 Warp

Heute ist OS/2 für viele Anwender nur noch ein Stück Computergeschichte.

Mitte der 1990er-Jahre sah das anders aus.

IBM entwickelte mit OS/2 Warp ein technisch beeindruckendes Betriebssystem, das Windows durchaus gefährlich werden konnte.

Besonders OS/2 Warp 3, veröffentlicht 1994, und OS/2 Warp 4 von 1996 zeigten, dass IBM ein modernes 32-Bit-Betriebssystem für PCs anbieten konnte.

OS/2 verfügte beispielsweise über:

  • präemptives Multitasking
  • eine objektorientierte Benutzeroberfläche
  • leistungsfähige Netzwerkfunktionen
  • Unterstützung für DOS-Anwendungen
  • Unterstützung vieler Windows-Anwendungen
  • das HPFS-Dateisystem

Gerade die Workplace Shell von OS/2 war ihrer Zeit in einigen Bereichen voraus.

Technisch war OS/2 keineswegs ein schlechtes Betriebssystem.

Teilweise war sogar das Gegenteil der Fall.

Das eigentliche Problem lag woanders.

Microsoft besaß das wichtigste Argument: Anwendungen

Bei einem Betriebssystemkrieg entscheidet nicht ausschließlich die bessere Technik.

Entscheidend ist das Ökosystem.

Welche Programme gibt es?

Welche Hardware wird unterstützt?

Welche Plattform kennen Administratoren?

Welche Systeme setzen Unternehmen ein?

Und vor allem:

Für welches Betriebssystem entwickeln Softwarehersteller ihre Anwendungen?

Hier entwickelte Microsoft einen enormen Vorteil.

Windows war längst zum dominierenden PC-Standard geworden.

Softwarehersteller entwickelten zunehmend zuerst für Windows.

Hardwarehersteller lieferten Windows-Treiber.

Unternehmen setzten Microsoft Office ein.

Entwickler verwendeten Microsoft-Werkzeuge.

Anwender kannten die Windows-Oberfläche.

Mit Windows 95 und Windows NT 4.0 konnte Microsoft nun zusätzlich zwei Märkte bedienen, ohne die Benutzer mit völlig verschiedenen Bedienkonzepten zu konfrontieren.

IBM steckte dagegen in einem strategischen Dilemma

Die Geschichte von OS/2 ist besonders interessant, weil Microsoft und IBM ursprünglich gemeinsam daran gearbeitet hatten.

OS/2 sollte einmal die Zukunft des PCs darstellen.

Doch die Zusammenarbeit zerbrach.

Microsoft konzentrierte sich zunehmend auf Windows NT.

IBM entwickelte OS/2 weiter.

Damit standen sich schließlich ehemalige Entwicklungspartner als Konkurrenten gegenüber.

Die Ironie der Geschichte:

Microsoft hatte durch die Zusammenarbeit erhebliches Wissen über professionelle Betriebssysteme gesammelt und entwickelte mit NT eine Plattform, die später genau in jenen Märkten erfolgreich wurde, in denen IBM OS/2 etablieren wollte.

Windows 95 unten, Windows NT oben

Microsofts Strategie Mitte der 1990er war bemerkenswert effektiv.

Für Privatanwender gab es Windows 95.

Für professionelle Anwender und Unternehmen gab es Windows NT.

Windows 95 überzeugte mit:

  • hoher Kompatibilität
  • breiter Hardwareunterstützung
  • Spieleunterstützung
  • niedrigerer Hardwareanforderung

Windows NT überzeugte mit:

  • Stabilität
  • Sicherheit
  • NTFS
  • professionellen Netzwerkfunktionen
  • Benutzerverwaltung
  • Servervarianten

Der Benutzer musste dabei seine grundlegende Bedienweise kaum ändern.

Genau das war ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.

Ganz perfekt war NT 4.0 allerdings nicht

Wer Windows NT 4.0 heute verklärt, sollte einige Schwächen nicht vergessen.

Die Hardwareunterstützung war teilweise kompliziert.

Plug and Play war deutlich weniger komfortabel als bei Windows 95.

Viele Consumer-Geräte hatten schlicht keine NT-Treiber.

Soundkarten, Scanner, Modems oder exotische Erweiterungskarten konnten Administratoren vor interessante Wochenendprojekte stellen.

Auch Spiele waren nicht unbedingt die Paradedisziplin von NT.

Wer 1996 einen privaten Gaming-PC aufbaute, hatte normalerweise deutlich bessere Gründe für Windows 95 als für NT Workstation.

Dafür war NT auch nicht primär gedacht.

NT 4.0 auf dem Server

Besonders erfolgreich entwickelte sich Windows NT im Serverbereich.

Microsoft machte Windows-Server zunehmend attraktiv für Unternehmen, die keine klassischen Unix-Systeme einsetzen wollten.

NT Server ließ sich außerdem eng mit Windows-Arbeitsplätzen verbinden.

Benutzerkonten, Netzwerkfreigaben und Drucker konnten zentral verwaltet werden.

Mit Produkten wie:

  • Microsoft Exchange
  • SQL Server
  • Internet Information Services
  • Systems Management Server

entstand nach und nach ein komplettes Microsoft-Ökosystem für Unternehmen.

Aus dem Betriebssystem wurde eine Plattform.

Und genau darin lag Microsofts langfristige Stärke.

Das Ende der zwei Windows-Familien

Die parallele Existenz von DOS-basiertem Windows und Windows NT hielt noch einige Jahre an.

Auf Windows 95 folgten:

Windows 98.

Windows 98 Second Edition.

Windows Me.

Parallel entwickelte Microsoft die NT-Linie weiter.

Auf NT 4.0 folgte Windows 2000.

Und dann kam der entscheidende Schritt.

Windows XP.

Mit Windows XP führte Microsoft 2001 die Consumer- und Business-Welt endgültig auf der NT-Technologie zusammen.

Damit verschwand die alte DOS-basierte Windows-Linie.

Technisch stammt das moderne Windows deshalb nicht von Windows 95 ab.

Seine wichtigste Abstammungslinie führt über:

Windows NT → Windows 2000 → Windows XP → Windows Vista → Windows 7 → Windows 8 → Windows 10 → Windows 11.

Das ist wahrscheinlich das wichtigste Vermächtnis von Windows NT.

Und OS/2 Warp?

OS/2 verschwand nicht sofort.

Vor allem in Unternehmen, Banken, Versicherungen, Geldautomaten und speziellen Industrieumgebungen hielt sich das System teilweise erstaunlich lange.

Doch gegen die Kombination aus Windows-Verbreitung, Entwicklerunterstützung, Microsoft Office, OEM-Partnerschaften und dem wachsenden NT-Ökosystem konnte IBM langfristig kaum bestehen.

Technische Qualität allein reichte nicht.

Es war eine der großen Lektionen der PC-Geschichte:

Ein Betriebssystem gewinnt nicht zwangsläufig, weil es technisch besser ist. Es gewinnt häufig, weil das gesamte Ökosystem stärker ist.

Warum Windows NT 4.0 1996 so wichtig war

Windows NT 4.0 war keine vollständige Neuerfindung von Windows.

Aber es verband zwei Dinge, die Microsoft dringend zusammenbringen musste:

die moderne NT-Architektur und die erfolgreiche Windows-95-Benutzeroberfläche.

Dadurch wurde NT für deutlich mehr Anwender zugänglich.

Administratoren bekamen eine professionelle Plattform.

Anwender bekamen eine vertraute Oberfläche.

Softwarehersteller bekamen einen immer attraktiveren Zielmarkt.

Microsoft bekam eine strategische Grundlage für die kommenden Jahrzehnte.

Und IBM bekam ein zunehmend schwieriges OS/2-Problem.

Der eigentliche Vorfahr des modernen Windows

Wer heute Windows 11 benutzt, sieht auf den ersten Blick kaum noch etwas von Windows NT 4.0.

Unter der Oberfläche ist die Verbindung jedoch wesentlich größer, als viele vermuten.

Der entscheidende technische Stammbaum des modernen Windows führt nicht über Windows 95, sondern über Windows NT.

Windows 95 machte Windows populär und prägte das Bedienkonzept einer ganzen Generation.

OS/2 Warp zeigte, dass es technisch starke Alternativen gab.

Doch Windows NT legte die technische Grundlage für Microsofts zukünftige Betriebssysteme.

1996 wurden diese Welten mit Windows NT 4.0 erstmals auf besonders sichtbare Weise zusammengeführt.

Das Startmenü von Windows 95 traf auf die Architektur von Windows NT.

Und ausgerechnet dieser scheinbar einfache Schritt war ein wichtiger Teil einer Entwicklung, die den PC-Markt für Jahrzehnte prägen sollte.

30 Jahre später ist Windows NT 4.0 deshalb weit mehr als ein historisches Betriebssystem: Es ist einer der wichtigsten direkten Vorfahren des modernen Windows.